Ansprache erster August 2014 Oberried
Ansprache Bundesfeier Oberried 1. August 2014
Enea Martinelli
-es gilt das gesprochene Wort-
Herr Gemeindepräsident,
Frau Gemeinderätin
Herren Gemeinderäte
Liebe Oberriednerinnen
Liebe Oberriedner
Werte Gäste
Wir feiern heute den Geburtstag der Schweiz. Ein besonderer Tag für unser Land und auch ein bisschen ein besonderer Tag für mich, denn es ist meine erste Ansprache an einem Nationalfeiertag. Danke an Marianne von Bergen für die Einladung und für das Vertrauen! Und danke an Gerhard Zundel für die Vermittlung. Ich habe ja eigentlich schon oft Ansprachen gehalten. Meistens zu einem vorgegebenen Thema über Gesundheit oder Finanzen oder zu einem politischen Geschäft, das ich verteidigen musste. Jedoch noch nie zum Nationalfeiertag. Da hat man endlich die Freiheit das Thema selber zu wählen und zu sagen was man will. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Aber als Politiker quasi im Ruhestand habe ich diese Herausforderung gerne angenommen und fühle mich geehrt. Legitimiert eine erst-August Ansprache zu halten bin ich ja. Auch das ist nicht selbstverständlich : An einem politischen Podium im vergangenen Winter hat mir jemand gesagt, ich solle mich mit meinem Migrationshintergrund zurückhalten. Ich habe ihm dann kurz eine kleine Lektion in der schweizerischen Geschichte gegeben. Die Familie Martinelli stammt ursprünglich aus dem Tessin, ist jedoch schon seit rund 200 Jahren im Seeland zuhause und mittlerweile in der dritten Generation in Interlaken. Da nehme ich für mich in Anspruch ein Schweizer zu sein. Die einzigen italienischen Gene in unserer Familie stammen von meiner Schwiegermutter mit verheiratetem Nachnamen Messerli…. Deshalb fühle ich mich legitimiert eine erst August Rede zu halten. Dann kommt die Frage, ob man eigentlich stolz genug ist, Schweizer zu sein. Die meisten von uns würden diese Frage spontan mit Ja beantworten. Aber eigentlich ist ja „stolz“ der falsche Begriff. Normalerweise können wir ja nichts dafür, dass wir als Schweizer geboren sind. Viel eher wäre wohl „dankbar“ der richtige Begriff. Ja ich bin dankbar Schweizer zu sein. Auch darum fühle ich mich legitimiert eine erst August-Rede zu halten. Nach all diesen grundlegenden Abwägungen habe ich mich dann hinter die Rede geklemmt. Ich gebe es zu, ich habe mich etwas schwer getan : Die Rede sollte ja politisch ausgewogen sein, und möglichst wenige Seitenhiebe enthalten wie zum Beispiel auf die Idee den 1. August abzuschaffen und die Fahnen zu ersetzen der JUSO oder die geplante Asylinitiative der SVP. Das politische Augenmass, Stabilität sowie das Vertrauen in die Institutionen haben den Wohlstand unseres Landes ermöglicht. Deshalb halte ich die Tendenz, dass Initiativen immer radikaler und schwieriger umsetzbar werden als gefährlich, denn sie rütteln gewaltig an diesem Fundament. Der erste August ist ja an sich ein Freudenfest ist, deshalb höre ich mit diesen Seitenhieben grad wieder auf. Moralpredigten wie an einer 1. Mai-Feier im Meer der Gewerkschaftsfahnen sind da fehl am Platz. Also : Die Rede soll kurz sein und trotzdem noch den Eindruck hinterlassen, dass man sich schon ein paar eigene Gedanken gemacht hat. Sie soll dem Anlass und dem Geburtstag der Schweiz eine gewisse Würde verleihen. Zu Beginn meiner Rede möchte ich ein paar Worte über diesen Sommer verlieren. Ein Sommer, den auch die Gemeinde Oberried nicht so schnell vergessen wird. Das mitten in der Ferienzeit ……. Die Wassermassen sind in unserer Region nicht derart gravierend gefallen wie 2005 aber trotzdem hat uns die Natur einmal mehr gezeigt mit welch gewaltiger Kraft sie innert kürzester Zeit grosse Schäden anrichten kann. So schlimm diese Naturkatastrophen auch sind : Der Umgang mit diesen Katastrophen zeigt einige Wesenszüge der Schweizerinnen und Schweizer auf : Die gelebte Solidarität und das Lernen aus der Vergangenheit und den pragmatischen und innovativen Lösungen mit dem Blick nach vorne. Unser Land ist eines der wenigen, das es schafft trotz seiner sprachlichen und kulturellen Vielfältigkeit, trotz der grossen Gegensätze zwischen Stadt, Land- und Berggebieten in den entscheidenden Momenten solidarisch zusammenzustehen. Dem Fundament dieser Gesellschaft gilt es Sorge zu tragen. Es gibt genügend Beispiele in der Welt, die zeigen, dass das nicht einfach gegeben ist. Da muss man nicht einmal sehr weit weg schauen. Die Konflikte zwischen Flamen und Wallonen in Belgien beispielsweise zeigen uns auf, dass wir alles daran setzen müssen diese Solidarität am Leben zu halten und weiter zu stärken. Einfach so bleibt sie uns nicht erhalten. Dazu gehören bei uns auch aktuelle politische Diskussionen wie der Sprachunterricht an den Schulen und der kulturelle Austausch zwischen den Regionen. Aber auch die immer wieder aufflammende Diskussion über die Stadt-Land-Gräben. Ziel muss es sein, an unserer Gemeinschaft zu arbeiten, damit sie uns erhalten bleibt. Damit wir auch weiterhin dankbar sein können Schweizer zu sein. Richard Löwenthal ein deutscher Publizist und Politologe sagte einmal : „Werte kann man nur durch Veränderung bewahren“. Veränderungen finden in nahezu allen Bereichen statt. Das Alter eines Menschen ändert sich, die Beziehungen zwischen ihnen verändert sich, das Bild einer Region oder einer Stadt verändert sich laufend. Die Schweiz hat ihren Wohlstand durch das Erarbeiten von pragmatischen Lösungen und durch eine sehr hohe Innovationskraft erarbeitet. Die hohe Innovationskraft ist allerdings immer auch mit Risiken verbunden. Wer nichts riskiert, der gewinnt auch nichts. Und genau das ist eines der Kernprobleme von Wohlstandsgesellschaften : Sie haben die Tendenz die Risiken viel höher zu werten als die Chancen. Oder die Chancen gar nicht zu sehen. Das führt zum Stillstand und das wiederum führt zu einer Abnahme des Wohlstandes. Eine Spirale gegen unten setzt ein : „Wer stehen bleibt steht im Weg.“ In unruhigen Zeiten orientieren sich die Menschen sehr oft an der Vergangenheit und vergessen den Blick nach vorne. Die Welt dreht sich nur in eine Richtung. Und auch die Uhr dreht sich immer nur in eine Richtung. Wir nennen es nach „vorne“. Auch die Augen sind aus gutem Grund vorne am Kopf montiert. Um unseren Wohlstand zu erhalten und weiterzuentwickeln braucht es eine Kombination zwischen Besinnung auf die Vergangenheit und den Blick auf den Fortschritt. Meine eigentliche Rede habe ich ja mit Natur- und anderen Katastrophen begonnen. Gerade unser Umgang mit Naturgefahren zeigt auf, dass es notwendig ist, sich den Veränderungen immer wieder zu stellen und zu überlegen, was künftig besser gemacht werden kann. Hätte man sich in Oberried keine Gedanken gemacht, wie mit den Lawinen, dem Steinschlag und den Hangrutschen umzugehen ist, das Dorf wäre heute wahrscheinlich leer. Ohne die Innovationskraft der mittlerweile weggezogenen Firma Hamberger würde das Dorf ebenfalls anders aussehen, die Firma hätte es erstens gar nie gegeben und zweitens wäre sie schon vor vielen Jahren an der asiatischen Konkurrenz gescheitert. Ohne die Voraussicht, dass es an selber Stelle eine Nachfolgelösung braucht würde die wirtschaftliche Situation der Gemeinde künftig wohl schwieriger. Oberried zeigt beispielhaft wie eine gute Dorfgemeinschaft weiter bestehen kann. Indem sie sich den Herausforderungen stellt und auch hier versucht pragmatische und kreative Lösungen zu finden wie zum Beispiel das Dorflädeli. Für all das braucht es Leute die sich mit ihren queren Gedanken einbringen. Leute, die bereit sind Ideen weiter zu entwickeln, auf die Gefahr hin zu scheitern. Investoren, die Risikokapital einbringen mit dem Risiko es zu verlieren. Auf für den Erhalt unseres stabilien Systems braucht es Leute die bereit sind, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Sei das nun in Vereinen, Verbänden oder in der Politik. Es braucht Leute, die bereit sind, einen schönen Teil ihrer Freizeit einzusetzen und sich auch zu exponieren. Ihnen gilt heute ganz speziell unser Dank. Zum Glück gibt es sie noch ! Allerdings erfüllt es mich etwas mit Sorge, wenn ich sehe, dass es immer schwieriger wird „freiwillige“ zu finden. Es erfüllt mich auch mit Sorge, wenn ich sehe, wie sich die Bevölkerung immer weniger dafür interessiert, die Zukunft unserer Gemeinschaft aktiv mitzugestalten. Es braucht nicht nur den Fortschritt um unseren Wohlstand zu erhalten, es braucht zwischendurch auch Momente der Besinnung. Das ist genau so wichtig. Unsere Kultur und unsere Traditionen, tragen dazu bei, dass die Welt nicht aus den Fugen gerät. Sich ab und zu hinzusetzen und die Gemeinschaft zu pflegen ist wichtig. Dazu gehört auch der erste August und Anlässe wie dieser hier, die die Gemeinschaft stärken und uns an ihr arbeiten lassen. Ein Anker braucht einen festen Boden, damit er hält. Auch wenn nicht alles perfekt ist. Wir dürfen auf unsere Gemeinschaft stolz sein. In den 166 Jahren der sogenannt „modernen Schweiz“ haben wir etwas geschaffen was weltweit beachtet und benieden wird. Das gilt es weiterzuführen, damit unsere Schweiz noch manchen Geburtstag in Frieden und Wohlstand feiern kann. Deshalb bin ich dankbar, dass ich Schweizer sein darf. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Feier und ein tolles Geburststagsfest für unser Land !