Das Dilemma der Gesundheitspolitik
Kolumne Bödeli-Info Juni 2011
Bei einer Diskussion auf der Strasse sagte mir neulich jemand folgendes :
Es sei schon verrückt, dass es gegen den Lungenkrebs noch kein anständiges Medikament gäbe. Das müssten doch diese hoch bezahlten Forscher längstens herausgefunden haben. Er kam dabei so in Fahrt, dass er immer wieder husten musste. Die Röte in seinem Gesicht war kaum zu übersehen. Sie entstand nicht wegen dem Ärger sondern wegen der grossen Anstrengung.
Gleichzeitig hat er immer wieder an seinem Stumpen gezogen.
Diese Diskussion zeigt ein Dilemma der Gesundheitspolitik.
Akzeptieren wir, dass wir die Folgen der Laster jedes Einzelnen mitfinanzieren oder setzen wir enge Grenzen bei den Verhaltensregeln. Soll das Prinzip gelten : Wer sich nicht an die Vorgaben hält, soll die Behandlung der Folgen seines Tuns nicht mehr durch die Krankenkasse und damit solidarisch erhobene Prämien finanzieren können, sondern selbst in die Tasche greifen. Wollen wir Grenzen setzen oder wollen wir die völlige Freiheit zu Lasten der Allgemeinheit ?
Dass die Prämien jedes Jahr steigen, daran haben wir uns bereits gewöhnt.
Gross ist jeweils der Aufschrei, wenn die Tabakpreise erhöht werden. Es wird darüber diskutiert, ob das Rauchverbot in Restaurants gerechtfertigt ist und ob Fumoirs bedient werden sollen. Ebenso wird diskutiert, ob die Krankenkasse für die Drogenersatztherapien oder Alkoholentzugsmedikamente respektive –therapien aufkommen muss oder nicht.
Es ist letztendlich die Frage, wie weit die Solidarität in unserem Sozialversicherungssystem gehen soll und wie weit die Bürgerinnen und Bürger für die Folgen ihres eigenen Verhaltens zur Kasse gebeten werden können. Eigenverantwortung zu stärken ist richtig und wichtig. Nur : Wo sind die Grenzen respektive braucht es überhaupt Grenzen ?
Bei den Lebensversicherungen ist der Schritt zur risikobasierten Prämie bereits getan : Wer höhere Risiken eingeht, wie zum Beispiel Base-jumping muss auch mehr bezahlen oder kann sich gar nicht versichern. Auch die Unfallversicherungen kennen ähnliche Regeln.
Ist jemand aufgrund einer seltenen Krankheit übergewichtig oder weil er/sie schlicht zu viel isst und sich zu wenig bewegt ? Ist jemand mit einer Herzerkrankung selber schuld oder genetisch so veranlagt und wie lässt sich das beweisen ? Ist jemand mit chronischem Husten einfach selber schuld oder ist es eine stark belastende Arbeit, die dazu geführt hat ? Ist es richtig aufgrund von genetischen Faktoren auch ohne Krankheit eine Risikobasierte Prämie zu erheben ?
Solche Fragen zeigen auf, dass der Problemkreis „Krankheit“ sehr viel schwieriger fassbar ist als ein klar definierter Unfall mit meistens klarer Ursache und sehr schnell an die ethisch vertretbaren Grenzen stösst.
Letztendlich wird die Politik jedoch nicht darum herum kommen festzulegen, wo die solidarische Finanzierung aufhört und bis wohin die individuelle Freiheit geht.
Die totale Freiheit ohne finanzielle Mitverantwortung für das eigene Tun ist für die Allgemeinheit auf Dauer kaum finanzierbar.