Namen machen Leute oder manchmal ist der Schein nicht das Sein
Kolumne Bödeli Info März 2015
An einem politischen Podiumsgespräch Anfang des letzten Jahres hat mir jemand gesagt ich solle mich zurückhalten mit meinem Migrationshintergrund. Ich habe ihm dann eine Lektion in schweizerischer Geschichte erteilt: Schon seit 1512 war die Gegend um Chiasso eine „gemeine Herrschaft“ der alten Eidgenossenschaft. Mein Heimatort Vacallo wurde im sogenannten „Chiasserzug“ von 1510 der Eidgenossenschaft angegliedert.
Ende des 18. Jahrhunderts wanderten meine Vorfahren vom Tessin in die Gegend von Erlach im Seeland aus, wo sie seit mittlerweile über 200 Jahren angesiedelt ist. Übrigens: Das einzige italienische Blut in unserer Familie stammt von meiner Schwiegermutter mit verheiratetem Nachnamen Messerli und die waschechte Tessinerin ist meine Mutter, mit ledigem Namen Enderli, heimatberechtigt in Oberhallau nahe Schaffhausen. Es ist seit vielen Generationen eine schöne Tradition der Familie, dass wir unseren Kindern passend zum Nachnamen italienische Vornamen geben. Das sind dann halt nicht eben nicht Shanaia, Shakira oder Justin wie das heute schon fast üblich ist, sondern Alessandra und Giuliano. Auf dem Bödeli leben zurzeit drei Generationen der Martinelli’s mit italienischen Vornamen. Anfang der 70er Jahre wurde über die sogenannte Schwarzenbach-Initiative abgestimmt. Die Italiener wurden damals als die „braunen Söhne des Südens“ oder als „artfremdes Gewächs“ bezeichnet, die das friedliche Zusammenleben in der Schweiz bedrohen würden. Nicht nur waren sie in der Öffentlichkeit unerwünscht, ihnen wurde das Gleiche nachgesagt, was heute von Schwarzafrikanerinnen, Kosovo-Albanern oder Muslimen behauptet wird: dass sie bedrohliche, unzivilisierte und kriminelle Ausländer seien. Beurteilt wurde fast ausschliesslich nach dem Namen. So wurden auch die in der Deutschschweiz lebenden Tessiner im Kollektiv in den gleichen Topf geworfen. Ich war zum Zeitpunkt der Abstimmung erst fünf jährig und habe davon nicht viel mitbekommen. Trotzdem hatten diese Diskussionen noch eine lange Zeit danach Auswirkungen: man ging zum „Tschingg“ zum Doktor (oder eben genau deswegen nicht). Wir Kinder wurden damals zu den Secondos klassiert und manchmal so behandelt, als ob wir persönlich für die vermeintliche italienische Invasion verantwortlich wären. Das hat sich massiv verbessert: Heute sind die Italiener in der Schweiz akzeptiert. Ich werde sogar bei einigen als „Einheimischer“ eingestuft – mit Ausnahmen, die sich dann an Podiumsgesprächen in unpassende Äusserungen verrennen. Ich habe gelernt diese Aussprüche so zu kontern, dass es dem Gegenüber peinlich wird auch nur daran gedacht zu haben. Trotzdem – eins hat sich nicht geändert: heute sind es zwar nicht mehr die Italiener (oder italienisch klingenden Namen), die nach ihrem Namen oder ihrer Herkunft klassiert werden. Nach wie vor werden die gleichen kollektiven Verurteilungen von ganzen Bevölkerungsgruppen vorgenommen wie damals – ohne jegliche Differenzierung. Das hat mich gestört, weil ich’s am eigenen Leib erfahren habe. Das stört mich nach wie vor und scheue mich auch nicht das laut zu sagen, egal aus welcher Region die Leute stammen. Klassieren darf man mich selbstverständlich auch – nach dem was ich bin und nicht nach dem was ich aufgrund meines Namens zu sein scheine. Übrigens: italienisch spreche ich nur sehr dürftig – ab ca. einem Promille Blutalkohol geht’s ohne Rücksicht auf grammatikalische Korrektheit.